(Unpublished) Foreword to Man into Woman

Transcription

Vorwort

(g01) Es gibt nicht viele Menschen, die ihr Leben wirklich leben. Die Allermeisten tasten wie Blinde durch das Dasein, - und fällt ihnen einmal irgend ein phantasievolles Buch in die Hände, so sagen sie, haben sie es zu Ende gelesen, gewissermassen zur eigenen Beruhigung: "Soetwas kommt nur in Romanen vor."

(g02) Die wenigen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen, wissen, dass das Leben selbst reicher und seltsamer ist, als alle Romane der Welt. Und offen sagen sie zu sich selber: "Würde ich dies oder jenes in einem Buch schreiben, jeder würde glauben, es sei weiter nichts, als die Erfindung eines kühnen oder überhitzen Dichtergehirns." Zu diesen wenigen gehören vor allem die Künstler. Sie sehen, hören und fühlen mit grösserer Intensität, als alle anderen. Deshalb gestaltet sich ihr Leben auch oft wie ein Abenteuer. Sie sind auf tiefe, geheimnisvolle Weise mit dem Leben und der Natur verbunden, – so stark, dass sie versuchen müssen, dieser Verbundenheit eine greifbare, sichtbare Form zu gehen.

(g03) Die Götter haben sie gewissermassen zu Auserwählten in diesem Dasein gemacht, haben ihnen erlaubt, etwas hinter den grossen Vorhang zu schauen, der den meisten anderen die mystischen Kräfte verbirgt, die sich in Mensch und Natur rühren. Davür aber haben die Götter in die Seele dieser Auserwählten eine gnadenlose, unbarmherzige Macht gesenkt, die sie zwingt, Ausdruck zu geben für alles, was sie gesehen und gefühlt haben, - um alljenen, die wie Blinde durch das Leben gehen, den Weg zu weisen.

(g04) Ich bin nicht anmassend, nein, ich bilde mir auch nicht ein, dass dieses Buch, dieser Bericht etwa ein Kunstwerk ist. Ich habe alldies niedergeschrieben, weil ich nicht anders konnte.

(g05) Es ist das wunderbare, seltsame Märchen meines Lebens, das
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wunderbarste von allen Märchen, nicht nur, weil es ein wahres Märchen ist, sondern weil ich das erste Menschenwesen auf Erden bin, dessen Schicksal es war, zuerst als Mann gelebt zu haben, um dann eine Frau zu werden.

(g06) Der erste Mensch, der nicht unbewusst durch einer Mutter Schmerzen geboren wurde, sondern voll bewusst durch eigne Schmerzen.

(g07) Ein Zwitterwesen, Andreas Sparre, oder, wie sein bürgerlicher Name war, Einar Wegener, hat nach dem bürgerlichen Gesetz viele, viele Jahre als Mann gelebt, ist Künstler, Maler, gewesen – war verheiratet. Als diese Spaltung so stark geworden war, dass er nicht mehr leben kann, ein todkrankes Menschenkind, trifft er einen genialen Chirurgen, der es wagt, die Verantwortung für dieses unerhörte Experiment auf sich zu nehmen.

(g08) Ein junges, lebensfrisches Weib aufersteht aus Andreas "krankem und hinfälligen Körper."

(g09) Ein Jahr ist vergangen. Es war ein schweres Jahr, weil ich das einzige Wesen, ausserhalb aller Gesetze stehend, das heisst, von keinem Gesetzgeber vorher in Betracht gezogen, bin innerhalb einer Gesellschaft, die nur auf das Normale, Alltägliche, Allgewöhnliche eingestellt ist.

(g10) Doch jetzt fühle ich, dass der Kampf gewonnen ist.

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(g11) In den Zeitungen aller Länder und aller Sprachen hat man mein einzigartiges Geschick besprochen, hat von einem Wunder geschrieben und dennoch fast immer mich als ein degeneriertes und unglückliches Wesen betrachtet.

(g12) Die dies taten, haben sich geirrt. Nur wer mich nicht gesehen hat, konnte sich so über mich äussern.

(g13) Ich bin gesund, froh und glücklich.

(g14) Und als gesunder, froher und glücklicher Mensch habe ich diese meine Lebensbeichte geschrieben, - über Andreas Sparre und mich, Lili Elbe, die wir, jedes für sich, ausgeprägt zwei Wesen
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waren in einem gemeinsamen Körper. Nur der Körper war degeneriert und wurde es immer mehr, je stärker die Zweiteilung überhandnahm und dadurch einen krankhaften Zustand schuf.

(g15) Solange Im übrigen war Andreas Sparre ein Mann, der auf eine ganz natürliche, normale Weise die Frau liebte, – und ich bin eine Frau, die ebenso selbstverständlich sich vom männlichen Wesen angezogen fühlt. Wir waren zwei Wesen in einem Leib.

(g16) Während der langen Übergangsperiode war dieser Leib allzu krank und überanstrengt durch die doppelten, männlichen und weiblichen Funktionen im Inneren dieses Körpers, als dass er sich mit den Sensationen des Gefühlslebens hätte beschäftigen können. Wer Dinge der Erotik in meinem Buch zu finden erwartet, wird deshalb enttäuscht werden. Er möge das Buch nicht in die Hand nehmen.

(g17) Es gibt einige Fälle, wo junge Frauen in Wirklichkeit Männer gewesen sind. Und stets waren es ihre erotischen Neigungen, die die Aufmerksamkeit auf sie hingelenkt hatten, – und durch einen geringen operativen Eingriff wurden sie zu dem, was sie im Grunde von Anfang an gewesen sind, – das Individuum wechselte das äussere Gewand, ohne dass dieser Wechsel irgend eine wesentlich Veränderung in dem Charakter und den Neigungen des betreffenden Individuums zur Folge hatte.

(g18) Ich bin jetzt völlig und ganz und gar Weib, – aber in meinem Körper hat ein Mann gelebt mit dem Denken und den Neigungen eines Mannes. Dieses Schicksal ist bislang noch keines Menschenwesens Leib zuteil geworden. Und ob auch die Veränderung so gross ist, dass die Erinnerung an Andreas Sparres Leben und Gefühlsleben nach und nach fast ganz in mir ausgelöscht ist, sodass ich oftmals in dem Teil des Buches, der von Andreas handelt, zu Grete, seiner Lebensgefährtin bis zu seinem Erlöschen, und ihrem Erinnern an ihn meine Zuflucht nehmen musste, -so glaube ich doch gefühlsmässig ihn auf eine andere Weise zu verstehen, als andere Menschen es könnten. Und
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vielleicht gibt es in mir eine Brücke des Gefühls über jenem Abgrund, der sonst Mann und Weib von einander trennt. Und das Ahnen um diese Gefühlsverbindung zwischen den beiden Geschlechtern, dieses Ahnen in meinem Blute, das jetzt ein Frauenherz durchströmt, m e i n Herz, wie es früher das Herz eines Mannes durchströmt hat, Andreas Sparres Herz, dann und wann durch bunte, wehe Nebel zu erschauderndem Wissen anschwellend, dieses ahnende Wissen trug ich hinein in diese meine Schicksalsbeichte, zag und doch so wahrhaftig, in vielleicht unzugängliche, tastende, dürftige Worte gekleidet, -und wenn diese Worte manchmal nur andeuten, manchmal auch etwas verschweigen, so entsprang dies aus verhaltener Scham… Aber trotz aller Mängel, die meiner Confessio, -denn das ist letzten Endes diese Niederschrift, -anhaften mögen, glaube ich doch, dass ich mancheinem, der diese Seiten liest, da und dort etwas Neuland der Seele entdeckt habe.

(g19) Auch wollte ich mit diesem Buch etwas Dankesschuld abtragen meinem Helfer und eigentlichen Erschaffer, dem grossen deutschen Arzt und Menschenfreund in Not, dessen Namen ich hinter dem Professor Kreutz meines Buches verborgen habe. –Dass ich wie ihm allen Personen, die durch mein Buch gehen, Decknamen gegeben habe, entsprang, -muss es besonders erwähnt werden?- einem leicht erklärlichen Taktgefühl.

(g20) Im August 1931

Lili Elbe

Translation

Foreword

(#g01) There aren't a lot of people that really live their life. Most stumble through existence like the blind – and if they happen upon a fanciful book, and finish reading it, they say: "Things like that only happen in novels" in order to clear their own conscience.

(#g02) The few that go through life with their eyes wide open, know, that life itself is richer and stranger than any novel in this world. And openly they say to themselves: "Were I to write this or that in a novel, everybody would think that it is not more than the fabrication of a bold and overheated poet's mind." Artists are among these few. They see, hear and feel with a greater intensity than others, which is why their lives are often adventures. They are connected to life and nature in a deep and mysterious way – this bond is so strong, that they have to try and give it a tangible, visible form.

(#g03) In a way, the gods have made them to be the chosen ones of this existence, allowing them to peek behind the curtain that hides the mysterious forces stirring within man and nature from others. In turn the gods have imposed on their souls a merciless power that forces them to express everything that they have seen and felt – in order to guide those, that walk through life blindly.

(#g04) I am not boastful, no, I also do not think that this book, this report, is a work of art. I wrote all of this down, because I couldn't help myself.

(#g05) It is the wonderful, strange fairytale of my life, the most wonderful of all fairytales, not only because it is a true fairytale,
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but also because I am the first human being on this earth, whose fate it was to live first as a man and then become a woman.

(#g06) The first person, not to be born unconsciously through their Mother's pangs but consciously through their own pain.

(#g07) A hermaphrodite, Andreas Sparre, or as known by his public name, Einar Wegener, according to civil laws lived as a man for many, many years. He was an artist, a painter – he was married. As the division within him had become so strong that he cannot live any longer, he, a fatally ill human being, meets an ingenious surgeon, who is willing to take on the responsibility for this unprecedented experiment. -@Editor: SM

(#g08) A young and rejuvenated woman is resurrected out of Andreas' "sick and decrepit body."

(#g09) A year has passed. It was a difficult year, because within a society that is only accustomed to the normal, conventional and everyday things I am the only being existing outside of any law, meaning not having previously been taken into consideration by any lawmakers.

(#g10) But now I feel, that the battle has been won.

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(#g11) My unique fate has been discussed in the newspapers of all countries and in all languages. They wrote about a miracle, yet, almost always, regarded me as a degenerate and sad creature.

(#g12) Whoever did that, was wrong. Only those who have never seen me, would speak about me like that.

(#g13) I am healthy, joyful and happy.

(#g14) And as a healthy, joyful and happy person I have written this Confession – about Andreas Sparre and me, Lili Elbe, we who were two distinct beings in one body. Only the body was degenerated, and its condition
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worsened the more the bisection prevailed, creating a morbid condition.

(#g15) For as long as the rest Andreas Sparre was a man, that loved women in a natural and normal way, – and I am a woman that as a matter of course is attracted to the male character in the same way. We were two beings in one body.

(#g16) During the long period of transition, this body was too ill and exhausted from the dual male and female functions within, than that it could focus on the sensations of emotional life. Therefore, he who is expecting anything erotic in this book, will be disappointed. He should not pick up this book.

(#g17) There are some cases, where young women have actually been men. And it was always their erotic inclinations that drew attention to them, and through a minor surgical procedure they became what they essentially had been from the very beginning. The individual underwent a change in appearance, without this change having any major effect on the personality or affinities of said individual.

(#g18) I am now fully a woman, but a man with a man's mindset and inclinations lived in my body. This fate has yet to happen to anyone else. Even though the change within me is so significant, that the memory of Andreas Sparre's life and feelings has gradually almost completely vanished, so that oftentimes, in the part of the book dealing with Andreas, I would have to turn to Grete, his former wife until his extinction, and her memories of him, – I still believe that emotionally I am able to understand him better than other people could. And perhaps there is a bridge of consciousness inside of me that
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conquers the abyss that usually separates man and woman. And the consciousness of this emotional connection between the two sexes, this consciousness in my blood, which now flows through a woman's heart, my heart, just like it previously flowed through a man's heart, Andreas Sparre's heart, which from time to time through colorful, aching mists swelled up into cringing knowledge, this foreboding knowledge I carried into my fated confession – tentative and yet oh so true. It may be put into insufficient, tentative, meager words – and if sometimes those words only suggest, sometimes even conceal something, then this emanates from restrained shame… Despite of all of these flaws attached to my confession, because after all, this is a confession, I still believe that here and there I have disclosed some virgin soil of the soul to some who are reading these pages.

(#g19) With this book I also wanted to thank my helper and actual creator, the great German doctor and humanitarian in my hour of need, whose name I have concealed behind the Professor Kreutz of my book. I have given him and all other people wandering through my book aliases – need I even mention why?- out of an easily explained discretion.

(#g20) August 1931

Lili Elbe